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| Tomi Ungerer zum 80. Geburtstag |
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| Die Lust zu leben und die Last der Hindernisse |
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Tomi Ungerer zum 80. Geburtstag Eines der frühesten Bücher Tomi Ungerers trägt den englischen Titel „Horrible“ (1958) und liefert eine Bilanz der traurigen Errungenschaften des Fortschritts. Daraus könnte man irrtümlich den Schluss ziehen, dass wir es bei diesem Künstler, dem Schriftsteller und Illustrator, mit einem Zeitgenossen zu tun bekommen, für den der Weltlauf im Großen wie im Kleinen wenig Erfreuliches bereithält. Denn es ist in seinen Grafiken, wie in seinen Erzählungen und Bilderbüchern immer beides zu erfahren: Die Lust zu leben und die Last der Hindernisse.
Tomi Ungerer, der dieses Jahr 80 Jahre alt wird, weiß um die Abscheulichkeiten der Welt. Aber er lässt nicht zu, dass die Verzweiflung die Oberhand gewinnt. Deshalb changiert seine Kunst zwischen dem Grellen und Grotesken und dem Romantischen, ja manchmal Sentimentalen. Wenn er etwa Johanna Spyris „Heidi“ oder „Das große Liederbuch“ illustriert, zeigt er neben der Süße das Ängstigende. Tomi Ungerer ist ein Meister der Ambivalenz. Es scheint geradezu Lebensmaxime zu sein, das „Unerwartete zu erwarten“, um dadurch zu begreifen, dass die „Hölle das Paradies des Teufels“ ist.
Vom Augenöffnen So wie ihm bei der Darstellung von Männern und Frauen nichts Menschliches fremd bleibt, so zeigen seine Bücher für Kinder Sonnen- und Schattenseiten des Kinderlebens. Da verwundert es nicht, dass diese lange Zeit in Bibliotheken unerwünscht waren und Ablehnung erfuhren. Von heute aus gesehen, wirkt das kaum noch nachvollziehbar. Sind doch seine Bücher und die Figuren, wie sie seit Ende der 50-er Jahre entstanden sind, längst Klassiker und weit vom Giftschrank entfernt. Die Mellops, „Crictor die gute Schlange“, das Känguru Adelaide, die Krake Emil, die Fledermaus Rufus oder den Geier Orlando finden wir zwar nicht unbedingt in einem kinderfreundlichen Streichelzoo, aber auf dem Bücherregal stehen sie bereit. Skurril und kurios ist das, was sie erleben. Seine Tierkunde –und da ist Ungerer ein Meister – liefert recht eigentlich eine Menschenkunde, was sein Werk so aufregend macht. Tomi Ungerer verführt seine Leserinnen und Leser dazu, sich nicht vom Vordergründigen täuschen zulassen; da werden „die drei Räuber“ zu Rettern der kleinen Tiffany, „Zeraldas Riese“ erweist sich als harmlos und das „Biest des Monsieur Racine“ ist alles andere als schrecklich. Bis heute wird Tomi Ungerer nicht müde, unsere Augen zu öffnen und uns einzuladen, genauer hinzuschauen. Er tut dies auch noch in seinen jüngsten Werken für Kinder wie zum Beispiel „Neue Freunde“.
Kein Kuss für Mutter Kein anderes seiner Werke für Kinder aber hat ihm ebenso viel Kritik wie Verteidigung eingebracht wie „Kein Kuss für Mutter“ (1973), das ihn gleichwohl „unsterblich“ machte. Denn es ist nicht nur eine Antwort auf Maurice Sendaks Bilderbuch „Ein Kuss für Mutter“, sondern eine Lausbubengeschichte, in der es rau zugeht – Toby Tatz ist kein braver Junge – und die Fetzen fliegen. Tomi Ungerer erzählt vom Streiten und vom Versöhnen, von Zorn und Wut und von Zuneigung. Er balanciert darin aus, dass der Wunsch der Mutter, ihr Sohn müsse ihr ständig seine Zuneigung zeigen, und der des Jungen, doch nicht mehr als Kind behandelt zu werden, beide ihr Recht haben. Aber die Versöhnung entwirft Tomi Ungerer nicht geradlinig, sondern sie entwickelt sich auf Umwegen und letztlich umso herzlicher. Wie es trotz seines guten Endes zur Ablehnung dieses Kinderbuchs kommen konnte, bleibt schwer nachzuvollziehen. In seinen Bilderbüchern steht nämlich sehr häufig eine Lösung am Schluss, ein glückliches Einvernehmen. Für manchen war es aber wohl zu viel verlangt, anerkennen zu sollen, dass Kinder sich auch einmal gegen Mama oder Papa stellen dürfen.
Ausgezeichnet! Das alles aber hat zum Glück nicht verhindern können, dass Tomi Ungerer mit vielen literarischen und illustratorischen Auszeichnungen geehrt worden ist; zwischen 2000 und 2010 sogar mehrmals im Jahr. Darunter die Hans Christian Andersen Medaille (1998) und der Erich Kästner-Preis (2003). Die schon genannte Maxime „Das Unerwartete zu erwarten“ bewährte sich im Jahre 2000, als der Europarat in Straßburg Tomi Ungerer zum Botschafter für Kindheit und Erziehung ernannte. Zu seinem 80. Geburtstag wünschen wir Tomi Ungerer weiter viel Glück und Gesundheit und uns noch viele weitere Bilder und Geschichten von ihm. Ein Beitrag von Prof. Dr.phil.habil. Winfred Kaminski, Fachhochschule Köln
(Copyright: HITS für KIDS print. MedienMagazin für den Buchhandel, Ausgabe 37, Herbst/Winter 2011/12/)
(Dieser Text erschienen zuerst in der 37. Ausgabe des Büchermedienmagazins „HITS für KIDS“ im Herbst 2011. Im Magazin finden Sie weitere 140 Rezensionen zu Kinder- und Jugendbüchern. Alle Rechte beim Verlag HITS für KIDS; D-65462 Ginsheim-Gustavsburg)
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